Einmaliges Seminar begeisterte Sattler und Osteopathen
Organisiert vom Bundesverband der Fahrzeug- und Reitsportsattler (BVFR), der Deutschen Akademie des Pferdes und Prof. Dr. Christoph Mülling von der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig erlebten die Teilnehmer des ersten Leipziger Sattelsymposiums zum Thema „Funktionelle Anatomie des Pferderückens – Grundlagen für die optimierte Anpassung von Reitsätteln“ eine überaus erfolgreiche Symbiose aus Wissenschaft und Praxis.
„Wir hatten mit zirka 30 Interessenten gerechnet“, so die Aussage von Sattlermeister Thomas Büttner, der als Mitinitiator das 1. Leipziger Sattelsymposiums zum Leben rief. Die Idee, Sattlern und Osteopathen mit einem Blick unter die Pferdehaut neue Einblicke für ihre Arbeit zu ermöglichen und branchenübliches Halbwissen zu revidieren, übertraf alle Erwartungen. Bereits zwei Tage nach Ankündung lagen so viele Anmeldungen vor, dass die Veranstaltung zweimal durchgeführt wurde. Mit hohen Erwartungen reisten die Interessierten an und „ausgezeichnet, hervorragend, einmalig“ war das einhellige Urteil der insgesamt 120 Teilnehmer als sie die Heimreise antraten. Bevor im Anatomiesaal der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig die schrittweise Präparation eines toten Pferdes erfolgte, standen zwei Vorträge auf dem Programm.
Prof. Dr. Christoph Mülling stellte zunächst die Anatomie des Pferdekörpers, insbesondere im Bereich der Sattellage, vor. Er ging in seinem Vortrag nicht nur auf die verschiedenen Knochen, Sehnen, Bänder, Muskeln oder Nerven ein, sondern erklärte deren Funktionsweise, Zusammenspiel und Wechselwirkungen. Diese Ausführungen verdeutlichten, dass zum Beispiel ein schlecht passender Sattel auch Auswirkungen auf Muskeln des Pferdekörpers hat, welche nicht in unmittelbarer Nähe der Sattellage ansitzen.
Den zweiten Vortrag hielt die Tierärztin Dr. Ina Gösmeier aus Marl. Aus ihrer praktischen Arbeit sprach sie über trainings- und disziplinbedingte Probleme bei der muskulären Beanspruchung und Entwicklung des Pferdes und erläuterte die enorme Bedeutung von Propiozeption, also der Wahrnehmung der Körperbewegung im Raum. „Was tun, wenn der Sattel eigentlich optimal passt, aber das Pferd trotzdem Probleme zeigt?“ Die Antwort auf diese Frage gab den Sattlern und Osteopathen wertvolle Hinweise zu möglicherweise vorhandenen inneren Erkrankungen wie beispielsweise unsymptomatische Lungenprobleme, Magengeschwüre. Aber auch den Aspekt der Nozizeption („die Wahrnehmung von Schmerzen“) und des „Schmerzgedächtnisses“ beleuchtete Dr. Gösmeier. Sie gab praktische Ratschläge wie die inneren Ursachen diagnostiziert und diese behandelt werden können.
Der Theorie folgte die Praxis. Prof. Dr. Christoph Mülling und sein Team präparierten professionell ein totes Pferd schritt- und schichtweise von der Haut bis zum Skelett und vermittelten den Teilnehmer einen realen, einzigartigen Einblick in die Anatomie des Pferdes, wie er anhand von Abbildungen oder anatomischen Modellen kaum möglich ist. Das Besondere an dem Symposium war zudem, dass es sich nicht als reine Demonstration definierte, sondern zur Interaktion der unterschiedlichen Fachleute diente. So lernten die Sattler am echten Objekt und konnten konkret sehen, erfassen und erfühlen, welche Muskeln und Nerven im Bereich des Sattels und der Gurtung vorhanden sind. Der einzigartige Blick unter die Pferdehaut lies sie Problemstellen erkennen und half zu verstehen, wo und warum „der Sattel wirklich drückt“, wie bei der stark innervierten Zone im Bereich der Verschnallung von Kurzgurten oder im Bereich der Sattelkissen. Auch die Form der Kopfeisen, die Länge des Sattels, die Breite des Kissenkanals und der Zuschnitt des Sattelblattes wurden fachlich diskutiert. Das aktuelle Verständnis von optimaler Passform, Druckverteilung oder Bewegungsfreiheit der Pferdeschulter wurde direkt am Pferdepräparat unter Beachtung der funktionellen Anatomie kritisch überprüft. Den Fachleuten, unter ihnen Vertreter vieler renommierter Sattelhersteller aus den In- und Ausland, eröffneten sich auf diesem Weg neue Erkenntnisse zum Sattelbau und der -Anpassung, die sie in ihre eigene Arbeit übernehmen werden und welche auch in die künftige Ausbildung von Sattlern integriert werden sollten.
Das Leipziger Sattelsymposium wird fortgeführt. Schwerpunkt im nächsten Jahr werden Bewegungsstudien unter dem Sattel sein. Mit modernster Röntgentechnik wird dann dem lebenden Pferd unter die Haut geschaut.
(eka via FN/Mario Salisch)





